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Simon Finck

(für Simon)

Beim Schwinden des Tageslichts, an einem Tag irgendwann im Herbst, fand man den ausharrenden Simon Finck verloren, auf dem leeren Platz einer fremdartigen Stadt.
Er nahm kaum wahr, was um ihn herum geschah. Manchmal sah er einen grauen Wind Schlieren durch die Menschen ziehen, die den Platz nur zu verlassen schienen.
Die Sorgenfalten, die sich mit der Zeit tief durch seine Stirn zogen, sah er nicht.
Es fiel ihm nicht auf, dass seine Fingergelenke langsam starr und unbeweglich wurden;
er hatte nicht vor, den Platz zu verlassen, an den ihn sein Herz band.
Auch seine Haltung hatte er in all der Zeit nicht verändert.
Fast konnte man kleine Auswölbungen im Steinpflaster des Platzes erahnen, wo er seine Hände verkrampft hielt.
Hin und wieder tauchten Gesichter auf, aus denen schnell die Farbe wich. Sie fragten den Fremden in ihrer Stadt nach seinem Befinden, ob sie ihm nicht helfen könnten.
Er antwortete stets das Gleiche, und es blieb immer die Wahrheit.
„Ich brauche nichts, von dem was sie mir geben könnten.“

Er dachte oft darüber nach, ob es sich lohnte zu warten. Er wusste dann, dass er seine Entscheidung ganz zu Beginn getroffen haben musste, obwohl es ihm damals wohl nicht bewusst gewesen sein konnte. Er hatte sich niedergelassen um zu warten, obwohl er sich im Klaren darüber gewesen war, dass es sehr lange dauern würde, und dass ihm vielleicht nicht genug Zeit bleiben würde, um seine Antwort jemals zu erhalten. Je länger er wartete, desto mehr zerrte die Zeit an ihm, sie zehrte von seiner Kraft, und wenn sie auch seinem Entschluss nichts anhaben konnte, dann doch seiner Zuversicht und seinem Glauben an einen glücklichen Ausgang seiner Geschichte.
Bald schon verblasste seine Vorstellung vom Glück und zerfiel in seinem Herzen zu Staub, füllte seine Zunge mit Bitterkeit und nahm ihm die Freude am Leben um ihn her. Lange hatte er nicht mehr mit jemandem gesprochen und er verspürte auch kein Verlangen danach. Er wollte sich sein Leben nicht mehr erklären lassen, niemand der ihn im Vorbeigehen betrachtete, hätte ihn verstehen können. Er hatte voreilig ein Versprechen gegeben, er hatte selbst am wenigsten daran geglaubt es jemals halten zu können, aber es war ihm wichtig gewesen, es zu versuchen.

Als er nach all den Jahren einen klaren Schatten über den Platz langsam auf sich zukommen sah, konnte er kaum begreifen, wie schwer mit einem Mal die Last der Zeit auf seinen Schultern wirklich wog. Ihr Erscheinen zeichnete den Platz in helle Farben, riss scharfe Kanten in seine triste Welt; und als sie stehen blieb fühlte er zum ersten Mal schmerzlich wie das Leben an ihm vorbeigeströmt war, wie lange er gewartet haben musste. Als er spürte, dass er seine Finger kaum heben konnte, um ihr Gesicht zu berühren, füllte ihn eine tiefe Zufriedenheit aus und machte ihn lebendig. Sie schloss ihn in ihre warmen Arme.
Er hatte sein Versprechen gehalten.




Der schlechte Schluss

„Ich habe nicht daran glauben können, dass du warten würdest.“, sagte sie.
Und „Ich komme zu spät…“, stellte sie mit Bitterkeit fest.
„Wo bist du gewesen?“, fragte Simon Finck an seinem Ende.
„Ich war weit weg und habe alles gesucht, von dem ich nicht wusste ob es das richtige für mich ist. Ich habe oft an dich zurückgedacht, nur nie daran, hierher zurückzukehren. Ich dachte die Welt dreht sich nun mal weiter, auch für dich.
Irgendwann habe ich gehört, dass du noch immer wartest.“
Sie schluckte.
„Auf meine Antwort.“
Das Mädchen das er geliebt, und das nie geweint hatte, weinte nun. Nicht um sein Schicksal, sondern um ihr eigenes. Ihre Antwort war nicht die Rückkehr zu ihm, sondern die Tatsache, dass sie ihn hatte alt werden lassen, zusammen mit seiner Hoffnung sie würde ihn irgendwann erlösen.
Simon Finck lächelte. Er hatte auf eine Antwort gewartet und sie nun erhalten.
Er war nun an seinem Schluss angelangt, und fühlte einen tiefen Schmerz in seiner Brust, aber er würde jetzt wieder gehen lernen können.

Simon Finck verließ an einem Tag irgendeines Herbstes seines Lebens, den Platz, auf dem Menschen orientierungslos umher irrten.
Er verspürte keine Reue und kannte seinen Weg.





Das gute Ende
Sie stand vor ihm, ihr Gesicht ihm zugewandt, und lauschte erleichtert seinen Worten.
„Ich wusste, dass ich dir nur Zeit schenken konnte“, sagte Simon.
„Du hast in mein Herz gesehen, und gesehen wer ich wirklich bin.“, antwortete sie.
„Ich bin jetzt hier. Und diesmal kann ich bleiben.“

Sie nahm Simon Finck bei der Hand und verlies mit ihm seine Einsamkeit. Sie waren beide alt geworden, und teilten keine gemeinsame Zeit. Er teilte mit ihr sein Versprechen, das er hatte halten können, und sie gab ihm nun das ihre.
Er bereute keine Sekunde.







© Claudia Löffler, 7. Dezember 2008




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White clouded hell

Die Sonne ging auf.
Einige Momente noch beobachtete ich, wie sich das dämmernde Morgenlicht über die Dächer legte.
Dann durchzuckte mich der Schock. Kurz nach halb sieben. Ich hatte verschlafen. Glatte drei Stunden!
Ich zog mir schnell die Kleider über und hastete aus dem Haus.
Etwas zu hastig riss ich das Fahrrad aus dem Unterstand und schwang ein Bein darüber.
Ich raste aus dem Ort hinaus und über die alte Feldstraße in Richtung Wald. Kurz vor dem Waldrand bog ich links ab. Ich warf das Fahrrad in das Stroh vor dem alten Schuppen und legte die Hand an die alte Holztür.
Tief atmete ich ein, und zog sie dann auf. Drinnen war es warm, es stank nach menschlichen Ausdünstungen, Ratten, alles war in ein dämmriges Licht getaucht. Gräulich weiße Rauchschwaden schwebten umher.
Trotz dieses wohl eher fragwürdigen Ambientes hatten sich dennoch ungefähr elf Jugendliche in den engen Raum verkrochen, und warteten, gammelten, rauchten und warteten.
„Tür zu!“ bellte mich einer von ihnen an, der auf dem Boden neben meinem linken Fuß saß. Ich schlug sie zu, durchquerte den Raum und kniete mich zu Andi. Ich fragte: „Kommst du?“, und lächelte ihn beschwichtigend an, „Es tut mir leid dass ich zu spät komme, ich...“
„Es tut dir Leid?!“ schrie er und im selben Moment hatte er mir auch schon einen Fausthieb auf die rechte Wange verpasst. Nicht, dass ich das nicht erwartet hätte, aber weh tat es trotzdem.
„Hattest wohl keinen Bock mehr, auf einen alten Fixer... Dachtest dir wohl, du angelst dir besser einen anderen, einen, der einen Job hat, oder studiert, der Arzt werden will, der dich beschützt?! Ja, das willst du? Du bist scheiße. Das war unfair! Gib mir das Geld.“
Zornig blickte er mich an. Ich gab ihm das Geld.
Mir kamen die Tränen. Wie konnte sein bester Freund ihm immer noch Geld leihen? Wie? Er wusste doch ganz genau wofür es bestimmt war...
Andi ging zu Alpha, um sich seine fünf Gramm zu kaufen, die nach seinen Angaben die nächste Woche über reichen sollten. Ich wusste es besser; vier, fünf Tage, höchstens. Am Anfang braucht man ein Viertel. Dann ein Halbes, dann ein Gramm. Und das alles in immer kürzer werdenden Zeitabständen.
Andi kam zurück, sein Freund Luke begleitete ihn. Beide sahen ziemlich verstört aus, die Pupillen groß wie Fußballplätze, ängstlich, fast gleichgültig hin und her huschend.
Zu dritt verließen wir die Hütte, irgendjemand meinte, es sei zu gefährlich wenn sich dort zu viele Fixer aufhielten. Mein Fahrrad schoben wir einfach in den Graben daneben und bedeckten es mit Gebüsch, so wie immer. Dann stiegen wir ins Auto. Andi lies den Motor an und gab Gas. Der Motor heulte auf und wir brausten los. Klar, es war gefährlich mit zwei Fixern im Auto zu sitzen, die beide auch noch auf Turkey waren und den nächsten Druck kaum noch abwarten konnten, und es war leichtsinnig Andi in diesem Zustand ans Steuer zu lassen. Doch mich fragte keiner. Einmal hatte ich versucht, ihn darauf hinzuweisen, dass man in einem solchen Zustand nicht Auto fahren sollte. Diesen Fehler würde ich mit Sicherheit nie wieder machen.
~
Wir hielten vor Andis Haus. Hastig schloss er die Tür auf, die beiden setzten sich auf den Fliesenboden in der Küche und packten ihr Besteck aus. Langsam setzte ich mich dazu, ich hatte es ja nicht eilig.
Andi stellte eine Kerze vor sich auf und zündete sie an. Luke tat ihm gegenüber dasselbe. Andi gab Zitronensäure in das weiße Pulver auf dem Löffel und rührte es zusammen. Dann hielt er den Löffel über die Kerze. Bevor sich die Flüssigkeit zu kräuseln begann, zog er den Löffel aus der Flamme und drückte ihn mir in die Hand. Dann packte er Spritze, Kanüle und Watte aus. Er steckte die Kanüle auf die Spritze und zog die Flüssigkeit, die Watte als Filter benutzend, auf. Dann gab er mir die Spritze zu halten und band sich mit einem Tuch den Oberschenkel ab. Die Haut an beiden Armbeugen war bereits verhärtet, dort ging nichts mehr.
Er suchte mit dem Finger seine Kniekehle ab, setzte die Spritze an und drückte. Er bäumte sich auf, seine Augen rollten und er kippte zur Seite. Ich zog ihm die Spritze aus der Haut, er lag still. Ich legte seinen Kopf in meinen Schoß und streichelte ihn. Wie lange das so ging, ich weiß es nicht. Irgendwann setzte er sich auf, seine Pupillen kaum zu erkennen, klein wie Stecknadelköpfe. Luke blinzelte ihm entgegen.
Dann begannen sie zu diskutieren. Ein ununterbrochenen Redeschwall. Ein Satz ergab den anderen, wie gewohnt. Sie waren sich einig, in einem Punkt, dass sie damit aufhören würden.
So wie die Jugendlichen in den Büchern immer, oder im Fernsehen, die das schafften.
Ich stand auf und ging ans Fenster.
Diese Bücher wurden von einigen wenigen geschrieben, die überlebten, oder noch schlimmer, von Erwachsenen.
In diesen Büchern wurden die jugendlichen Drogenabhängigen immer so kindlich naiv beschrieben.
Dabei waren sie so viel erwachsener. Ihre Eltern wussten nicht, wie es war, Fixer zu sein. Die ‚Kleinen’... verdienten so viel mehr Geld als ihre Eltern. Egal, was sie auch hergeben mussten, ihre ganze Habe, sich selbst, ob sie nun auf der Straße leben mussten, im Dreck, den Stoff bekamen sie immer irgendwie. Es gab immer einen Weg. Und diese tolle Erwachsenenwelt von der alle schwärmten hatte sich so hilflos gezeigt.
Nichts konnten und können sie dagegen tun, niemand stellt die Jugendlichen mehr in Schranken, die sie nicht überwinden können. Niemand kann sie zwingen. Niemand kommt nahe genug an sie heran. Ich drehte mich um.
Ich sah Andi zu, wie er lachte, und mit den Armen wirbelte.
Wieder lachte er. Er war doch noch so jung.
Doch für einen Fixer war er schon ein altes Eisen. Sehr alt. Einer, den es auch bald erwischen musste.
Sie alle glaubten an die große Liebe, als sie das Heroin entdeckten. Und sie alle wurden enttäuscht.
Er war ein ganz normaler Junge. Normal, bis auf die Tatsache, dass ein Gramm Heroin durch sein Blut zuckte, und ihn vergessen ließ, dass an seinem Galgen bereits gezimmert wurde.
In ein paar Stunden würde das wieder anders aussehen.
Traurig blickte ich ihn an. Hoffnungsvoll lächelnd strahlte er mir entgegen. Ich lächelte zurück.
Er murmelte: „Du siehst bezaubernd aus.“
Ich erwiderte lächelnd: „ Ich muss gehen, ich komme heute Abend wieder.“
Luke machte sich am CD-Player zu schaffen.
„Wahrscheinlich haben sie den auch bald verscherbelt“, dachte ich bei mir.
Wenig später schalt ich mich auch schon wieder dafür.
Wenn man dieses Leben, das ich nun einmal führte, überleben wollte, dann war Pessimismus der letzte Schritt ins Grab.
Ich ging zur Tür, auf dem Weg, als ich an Andi vorbei ging, zog er mich zu sich hinunter, küsste mich und ließ seine Hände sanft über meinen Minirock streichen, die Schenkel bis zu den Kniekehlen hinab und dann wieder aufwärts, er roch nach Rauch. Ich löste mich von ihm, mit einem Blick auf Luke, der uns beobachtet hatte und murmelte hastig „Tschüühüüüß“ und machte mich aus dem Staub.
Während des restlichen Tages verschwanden die Bilder nicht wieder aus meinem Kopf.
Wie jeden Tag quälte mich das, von dem ich wusste, dass es bevorstand.
Diese Abartigkeiten des Lebens, das ich jeden Tag von den anderen Fixern vorgespielt bekam.
Alpha, der Anführer der Bande, wie er sich unter die Zunge spritzen lies, weil es sonst keinen anderen Weg gab, das Zeug in seine Venen zu bringen; Der kleine Jojo, der unreines H. gedrückt hatte und zuckend auf dem Boden lag; Luke auf Turkey mit furchtbarem Nasenbluten das nicht mehr aufhören wollte; Sandy die sich den Goldenen setzte, keiner sie aufhalten konnte und wollte, und sie einfach ging. Die vielen Toten. Dieses Leben in Zeitabschnitten. Ein Hoffen und Bangen auf den nächsten Druck. Viele kleine Inseln, man fiel in Abgründe, man flog. Irgendwann fiel man dann nur noch, und verzögerte den Sturz gelegentlich. Diese Eindrücke ließen mich nicht los. Ich wollte Andi retten. Nun versuchte ich das schon seit einem knappen halben Jahr. Einen Entzug hatte er mir zuliebe gemacht. Stundenlanges Schreien, Kratzen, Beißen. Dann der Schweiß, der Kampf, die Entgiftung. Sinnloses Herumgebastel an seinem Ego, ein Motivationsgebäude aus übereinander gestellten Streichhölzern, das wankte. Was in der Klinik stabil aussah, war draußen zerbrechlich.
Als er rauskam, wohin rannte er als erstes?
Er rannte nach Hause und setzte sich einen Druck. Ich verstand das. Es war der erste Entzug, den ich miterlebte, und ich war geschockt darüber, wie vehement die Dealer darum kämpften ihren ehemaligen Kunden wieder zurück zu bekommen.
Schon nach einer Stunde über die er frei verfügen konnte, stand er auch schon wieder voll drauf vor meiner Tür und heulte, die Dealer hätten ihn angefixt. Ich glaubte ihm. Ich redete mir ein es würde besser werden.
Einmal hatten wir das Ganze ja bereits hinter uns. Ich hatte keine Ruhe mehr. Wenn ich bei ihm war fühlte ich mich nicht wohl, ich hatte die ganze Zeit vor Augen wie schlecht es ihm ging. Wenn ich dann weg von ihm war, dachte ich an die Zukunft, wie schlecht es ihm dann gehen würde, und dann wurde mir noch elendiger zumute.
So auch an diesem Tag. Ich fühlte mich ausgelaugt, meine Muskeln zitterten, ich war am Ende.
Andi war auf einen Zug aufgesprungen, der nicht wieder zurück fuhr.
Und je länger er auf diesem Zug verharrte, desto irrer, schneller und qualvoller wurde die Fahrt.
Und ich versuchte dem Zug hinterher zu hasten, Andi herunter zu zerren, ohne selbst aufzuspringen. Damals wollte ich nicht wahrhaben dass es unmöglich ist, jemanden von diesem Zug zu ziehen, solange er sich noch verzweifelt an ihn klammert, aus Angst er könne den Absprung nicht schaffen. Wieder einmal dachte ich darüber nach, wie sinnlos alles war. Ich rannte gegen Mauern an. Gegen die Mauern des Menschen, den ich versuchte zu retten, gegen die Mauern der Menschen die nicht sehen wollten, dass er gerettet werden musste, und gegen die derer, die jegliche Hoffnung schon von Anfang an über Bord geworfen hatten und in ihm schon einen der zahllosen Drogentoten sahen. Ich war den Tränen nahe, fest entschlossen gerade jetzt nicht aufzugeben,
und verdammt allein.
~
Es war schon dunkel geworden, die Straßen nahezu menschenleer, es war später geworden als geplant.
Ich klingelte und wartete einige Momente länger als sonst, bis mir Andi vor Nässe triefend, ein knallrotes Handtuch um die Hüften gewickelt, schelmisch grinsend die Tür öffnete.
„Ich dusche gerade, komm rein!“
Er drehte sich um und ging wieder ins Bad. Ich setzte mich an den Küchentisch und trank Tee.
Irgendwann kam er dann wieder aus dem Badezimmer und setzte sich an den Tisch.
Er sah mich an, dass mir das Herz stehen blieb. Ein durchdringender, fordernder, verständnisloser Blick.
Zitternd schlug er die Zeitung auf, die zuvor auf dem Tisch gelegen hatte. Seine Stimme zitterte, er begann einen Artikel vorzulesen. Es ging um zwei Drogentote, ihre genaue Identität wurde nicht genannt. Dann lachte er hysterisch auf, dicke Tränen kullerten die braungebrannten Wangen hinab.
„Moses ist tot.“
Wieder lachte er, diesmal erstickt, und sein Lachen verklang bald in Schluchzen. Moses.
Der zehnjährige Moses. Der Kleine. Andis Cousin.
Heroin. Tot.
In meinem Kopf drehte sich alles.
Gelegentlich zuckten Bilder auf:
Moses in einer Bahnhofstoilette, die Arme verdreht, die Augen starr, die Spritze im Arm - Moses, lachend, mit Andi und mir auf dem Kinderspielplatz – Der Zehnjährige auf dem Schwulenstrich – Moses mit der Schultüte – Moses mit Ringen unter den Augen und diesem begierigen Blick den nur Fixer draufhaben – Moses tot.
Ausgelöscht. Wie so viele.
Andi hatte sich zurückgezogen, er saß im Schneidersitz auf seinem Bett und weinte. Ich ging zu ihm, wollte ihn trösten, ich legte meine Arme um ihn. Es schüttelte ihn, er schniefte, er schnappte nach Luft. Dann löste er meine Arme von sich. Seine Augen waren verquollen und rot. Das Wasser stand darin, seine Lippen zitterten. Er nahm mein Gesicht in seine Hände.
„Ich schaffe es nicht“, brachte er unter weiteren Schluchzern hervor.
„Es bringt mich um. Ich werde sterben, hörst du? Ich werde elendig daran verrecken wie alle anderen auch.“
Er schluckte, rang um Fassung und es gelang ihm tatsächlich einigermaßen klar zu sprechen.
„Hör zu, du musst weg hier. Geh nach Hause. Ich darf dich da nicht mit reinziehen. Ich würde es nicht ertragen wenn... Wenn dir dasselbe wie mir geschähe...“
Er schnappte wieder nach Luft.
Wut flammte in mir auf.
„Du könntest es nicht ertragen?!
Was erwartest du von mir! Ich kann es auch nicht ertragen zuzusehen wie du langsam zugrunde gehst! Wie ihr alle euer Leben wegwerft, ihr alle!“ Ich wurde lauter.
„Aber nein, ich soll stillhalten, soll weggehen, soll es annehmen, das Schicksal an das DU nicht glaubst?!
Glaubst du es ist leichter für mich?
Ich bin für dich da, ich sehe dich dahinsiechen.
Ich sehe euch beim Sterben zu, und am Ende werde ich ganz allein sein,...“
Er schrie mich an: „ Bin ich dir noch nicht zerstochen genug?! Bleibst du bei mir, weil du sonst ein schlechtes Gewissen hättest?! Aus Mitleid????!!!!!
Dann kannst du auch gehen, das will ich nicht!!!!!“
Jetzt liefen auch mir die Tränen über die Wangen.
Ganz leise und langsam presste ich mir die Worte ab.
„Ich bleibe, weil ich dich liebe.“
Er schlang weinend die Arme um mich und wiegte mich sanft hin und her.
„Bleib bei mir“ flüsterte er immer wieder, „Bleib bei mir“.
~
Mitten in der Nacht wachte ich auf. Der Schlag des Donners hatte mich geweckt. Ich stand auf, ging zum Fenster, öffnete es und zündete mir eine Zigarette an.
Draußen schüttete es aus Eimern, ein Gewitter wütete.
Ein Windstoß klatschte mir eine Ladung Regen entgegen, meine Zigarette ging aus, ich war triefend nass.
Also warf ich die restliche halbe Zigarette leise fluchend hinaus, schloss das Fenster wieder, trocknete mich ab, zog mir trockene Kleider an und legte mich wieder ins Bett. Ich bemerkte, dass Andi zitterte, also zog ich ihn an mich und legte meine Arme um seinen Bauch.
Sein Kopf zuckte kurz aber heftig nach hinten. Er traf mich direkt an der Schläfe, ich ließ ihn los, setzte mich auf und hielt mir den Kopf, es tat furchtbar weh. Ich sah verschwommen und irgendwo neben mir schrie Andi, ich hätte ihn beklauen wollen. Noch ganz bedröppelt dachte ich bei mir, was ich ihm denn hätte klauen sollen, er hatte doch gar nichts an außer seiner Boxershorts? Doch er war in Rage. Er stieß mich vom Bett, ich stand auf und wich stolpernd zurück.
„Ich hätte dir nie vertrauen dürfen!“, schrie er. Wütend schlug er auf mich ein, traf meine Arme, die ich zum Schutz vor mein Gesicht hob, trat gegen mein Schienbein, ich knickte ein. Er schlug, er traf, meinen Kopf, von oben, von unten, von beiden Seiten, immer wieder, die Schultern, den Rücken. Ich kroch immer weiter zurück, wimmerte, bis ich mit dem Rücken an der Wand anstieß. Er hörte nicht auf. Erst als er mich ein zweites Mal genau an der Schläfe traf, sodass es mich zur Seite schleuderte und ich husten musste, weil ich vor lauter Blut im Mund keine Luft mehr bekam schrie ich wie aus Reflex: „Stop!“
Augenblicklich hörte es auf.
Ich sah ihn nicht an.
Ich spürte seinen Blick auf mir ruhen.
Er ging zurück zum Bett, wickelte sich in die Decke ein, krümmte sich zusammen und begann sich vor und zurück zu wiegen. Ich setzte mich wieder auf, lehnte mich gegen die Wand, japste nach Luft und zog die Knie ganz dicht an meinen Körper. Ich legte mein Kinn zwischen die Knie, schlang die Arme um sie und begann zu wippen. „Was hab ich getan?“ flüsterte er kaum hörbar verzweifelt und mehr zu sich selbst vor sich hin.
Immer wieder diese Worte. Bis er irgendwann einschlief. Am nächsten Morgen ging ich, ohne mich zu verabschieden.
Ich ging zum Reitstall.
Reiten war unmöglich, mir tat jeder Schritt weh. Aber ich brauchte eine Ausrede. Als ich heimkam erzählte ich wäre auf der Koppel gestolpert und unter die Hufe des Pferdes gekommen.
Man kaufte mir das ab. Ich war erleichtert.
Erleichtert, dass mir wenigstens das keine Probleme machte.
~

Und nachdenklich beobachtete ich, wie mein Leben eskalierte, neugierig bestaunte ich, wie erträglich die Hölle sein konnte, solang man den Himmel im Kopf hatte.
Ich brauchte nur die Augen zu schließen, und in meinem Kopf lebte alles weiter, weiße Wolken vor die Augen gesetzt,
weiße Wolken vor die Hölle da draußen.







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Für einen Blick über die Schulter


Es überfällt mich der Wunsch, der unerklärliche, die Kurve ihres Halses, die nun sanft und warm und zart vom Gewicht des schönen Kopfes zurückgewölbt auf meinem Kissen ruht, wäre angespannt;
ich wünschte sie wäre leblos, kalt, doch nicht minder zart und ihre Lippen und die Augen unter den geschlossenen Lidern zitterten in einem furchtbar’n Traum.
Ihre Schönheit ist zwar stets präsent, doch niemals wagt sie sich meiner in dieser Heftigkeit zu bemächtigen, wie sie es in jenen Momenten tut; den schlimmsten und furchtbarsten uns’rer beider Leben. Gewiss, ich liebe ihn, den jungen Atem der rasch und keusch über meine Haut zuckt, doch meine Sucht nach der dramatischen Eskalation aller Dinge, und der unlösliche Hang zur Dunkelheit und Verrat und Schicksalsschlägen lässt nichts als den Wunsch sich in mir regen, als dass ihr Atem einfach plötzlich stillschweigen möchte, stillschweigen und niemals wiederkehren.
Er ist krank, mein Wunsch, neben dem kalten, entblößten Rest der einzigen Freude meines Lebens für immer einschlafen zu wollen; aber eigene Krankheit muss wohl vor eigenen Wünschen und Bedürfnissen stets zur bewussten Verdrängung führen, der eigenen Absolution.

Ich wusste dies wohl auch, eine Zeit lang, jedoch wurde mir immer mehr die Leidenschaft zu eigen, das selbstkorrigierende Verhalten abzulegen, wenn auch vorerst immer nur für kurze Zeit.
Nach und nach begann sich in mir das zu regen, was andere meinen Wahnsinn nennen würden;
ich nenne es jetzt, da ich mir damals nicht über irgendeinen Zustand bewusst war, wohl eine Kunst.
Die Kunst auszutreten aus dem eigenen Leib, in der Lage zu sein, sich selbst als alles zu sehen, ohne Selbstbestimmung; sich einfach leben zu lassen ohne Einfluss zu nehmen.
Das Ich zu verlieren, so sage ich, braucht viel Enttäuschung vom Leben, braucht immense charakterliche Stärke und Intelligenz, die einen in gedankliche Gefilde bringen, die die Seele eine Zeit lang vor sich selbst schützen und wegschließen; doch das Ich wiederzufinden ist eine andere Sache, die wenigsten schaffen es wirklich, denn dazu braucht man eine Seele die sich selbst heilt, und von sich selbst heraus mit einem Mal aus tiefster Narkose wieder erwacht und das Ich mit sich bringt, das schematische Denken, die Entscheidungsfreudigkeit.
Selbstverständlich ist dies nicht so zu verstehen, als dass man in einem Zustand einschliefe und nach einer beliebigen Zeit in demselben wieder aufwacht, sich nicht verändert.
Im Gegenteil, im Rückblick möchte ich sagen, dass ich es seit damals nicht vermeiden kann, mein Leben als eine Aneinanderknüpfung zweier, oder mehrerer Leben zu betrachten.
Ich kann keinen Einklang finden; auf eine gewisse Weise bin ich gestorben, aber es war ein stiller Tod; einer, der langsam voranzieht und sich durch ein Leben frisst, es ist kein Schnitt, es ist vielmehr wie ein ansonsten unüberwindbarer Abgrund aus dem man nicht mehr herausfindet, wie ein Gemälde das zu real, zu wirklich ist.
Und berühren beide Füße erst einmal nicht mehr den Boden, so ist man schon wieder am Fallen; geblendet vom eigenen Ich, das größer erscheint, erstarkt und gewachsen. Hilflos muss man sich dem Druck der eigenen Seele ausgeliefert sehen, orientierungslos in der alten neuen Welt.

Gewiss, lieber Leser, mag es dir so vorkommen als seien all meine Erläuterungen, ja, Erklärungsversuche von einer gewissen Verwirrtheit durchsetzt, doch muss ich dazu einwerfen dass zumindest ich, in einem expsychotischen Zustand vor allem um Selbstbeherrschung bemüht bin, um Disziplin und Kontrolle, bald aus Angst ich könnte mich wieder selbst verlieren.
Es bedarf eines immensen Kraftaufwands den eignen Geist der in der Tiefe des Charakters darauf pocht, erneut zügellos herauszubrechen, danieder zu halten und ihn zu strukturellem und fokussiertem Denken zu bewegen, das für andere auch nachvollziehbar sein muss.

Um diesen Punkt, der dich höchstwahrscheinlich allein der menschlichen Neugier wegen interessieren muss, hervorzuheben, möchte ich zu meinen Erinnerungen an meine Wahrnehmung und wiederum mein Erinnerungsvermögen zu dieser Zeit folgendes sagen:
Das, was „normale“ Menschen die Wirklichkeit nennen, begann zu einer bestimmten Zeit meines Lebens für mich derartig abstruse Dimensionen und Auswüchse anzunehmen, dass mich, als ansonsten sehr realitätsliebende und bodenständige Person, jede geringste Abweichung meiner Realitätsprognose aus der Bahn warf.
Ich begann, meine eigene Realität zu basteln, und meine tiefe Liebe zum Schmerz und zum Leiden begann monströse Ausmaße anzunehmen, sich enorm zu dramatisieren und die Oberhand über mein Leben zu gewinnen.
Ich unterzog mich praktisch selbst einem Kamikaze-Crashkurs; zerstörte mich und baute auf, warf nieder und stemmte wieder hoch, bis die Grundfesten schwer und fest genug waren das nun enorme Gewicht meines Charakters zu tragen. Auf eine besondere und absurde Art wäre dies alles für mich nur von Vorteil gewesen, all die Strapazen wert; wenn da nicht Menschen gewesen wären die der Überzeugung waren über mich, mein Leben und meinen Zustand urteilen und richten zu können.
In der Überzeugung mich den Rädern vollster Gerechtigkeit zu überlassen hielten sie mich gewaltsam im Schwebezustand, ein narkoseartiges Hin und Her zwischen fast und beinahe; welches mich beinahe glauben lies, die Welt habe vergessen, dass Wahrheit relativ ist und Sünde Ansichtssache.
Noch heute sehe ich mich und die, die mir damals mit jener offenen und neugierigen Scheu begegneten vor die Frage gestellt, ob es gerecht sei, einem Menschen aus eigenen Ansichten heraus sein Lebensziel und seinen ausdrücklichen Wunsch vorzuenthalten und zu verbieten, und ihn somit gewaltsam in seiner Entwicklung aufzuhalten.
Sie haben, so hoffe ich, noch heute keine Ahnung, welch immense Last sie sich und ihren erbärmlichen Schultern aufluden, mich gegen meinen Willen aufgehalten zu haben, in einem der für den Menschen wichtigsten Vorgänge seines Lebens;
und hätten sie auch nur eine Ahnung von Gerechtigkeit gehabt, hätten sie mich wirklich als Menschen gesehen, und nicht nur als Submenschen, den sie nur aus Mitleid und geheuchelter Güte mit durch dieses Leben schleifen.

Das einzige, was mir in den Sinn kommt, wenn ich an die Zeit denken muss die nach dem Cut in meinem Leben kam, war die unendlich ausgedehnte Einsamkeit, die Leere die ich unterbewusst wie eine unheilvolle Würfelkombination mein ganzes Leben schon befürchtet und erwartet hatte, die sich langsam und beständig weiter in mein Leben schlich und drängte, bis ich plötzlich feststellen musste dass ich nichts mehr finden konnte, das für mich auch nur noch von einer ähnlichen Bedeutung gewesen wäre wie sonst auch nur die belanglosesten Dinge in meinem Leben.
Mein Leben bestand aus endloser Routine; gewiss, manche möchten einwerfen, es könne nicht möglich sein dass in meinem Leben nichts unverhofftes, nichts zufälliges und nichts unbekanntes passierte, deshalb möchte ich darauf aufmerksam machen, dass ich hierbei nur über meine eigenen subjektiven Eindrücke spreche, die ich damals hatte.
Für mich hatte mein Leben plötzlich erschreckend viel mit einer Endlosschleife zu tun, nichts war mehr willkürlich, alles kam mir vor wie eine riesengroße nur für mich inszenierte Vorführung.

Und jetzt, wie ich so neben dem einzig lebenden Wesen liege, dem auf dieser Welt mein seltenes Lächeln, all meine Aufmerksamkeit und mein ganzes Denken zukommt, so wünschte ich, alles könnte hier enden, hier, an diesem Punkt; und ich könnte die Last hinter mir lassen, die mich und mein Leben überschattet, und ich könnte die Schönheit dieses Wesens mit mehr als nur dem egoistischen, wissenschaftlich neugierigen Desinteresse betrachten, wie ich es zu manchen Momenten tue, wenn sich zum Beispiel ein Adernetz des Lebens auf dem jungen Göttinnenfuß abzeichnet, und ich mir bewusst werde, wie dünn die Schwelle ist, die uns vom Tode trennt und wie einfach es ist, zu sterben, so viel einfacher als in dieser Welt zu lieben.

Es ist der Blick über die Schulter, der mich wanken lässt, der mich vom Weg abbringt , mich schwindlig macht, es sind die Gedanken, die ich um sie zu besiegen verdrängte, und die nun ihre Revanche einfordern, ein letztes Mal. Leblos und kalt, mein Blick über die Schulter.

Claudia Löffler, 19.10.2005



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